Rita Süssmuth ist gestorben. Mit ihr verliert Deutschland eine Persönlichkeit, die Politik nicht als Bühne verstand, sondern als Verpflichtung gegenüber Menschen, Institutionen und der Wahrheit der Realität.
In einer Zeit, in der politische Kommunikation immer häufiger mit strategischer Ambivalenz verwechselt wird, steht Rita Süssmuth für etwas, das heute selten geworden ist und zugleich dringender gebraucht wird denn je: Rückgrat. Nicht als Pose, nicht als Lautstärke, sondern als innere Konsequenz, die sich nicht dem Zeitgeist unterordnet, sondern dem Gemeinwohl.
Rückgrat bedeutete für sie: zu entscheiden, auch wenn es unbequem ist. Aufzuklären, statt Angst zu bedienen. Fakten anzuerkennen, auch wenn sie nicht ins eigene Lager passen. Ihre Arbeit als Bundesministerin – insbesondere in gesellschafts- und gesundheitspolitischen Feldern – war geprägt von dem Anspruch, Politik rational, menschenwürdig und zukunftsfähig zu gestalten.
Als Präsidentin des Deutschen Bundestages in den Jahren der Wiedervereinigung verkörperte sie ein Politikverständnis, das heute fast schon ungewöhnlich wirkt: Respekt vor demokratischen Institutionen, Schutz des Parlamentarismus und die Überzeugung, dass Demokratie nicht von Empörung lebt, sondern von Verantwortung. Sie verstand das Parlament nicht als Kulisse für Schlagzeilen, sondern als Herzstück politischer Kultur.
Auch später blieb sie eine prägende Stimme für gesellschaftlichen Zusammenhalt und langfristige Gestaltung. Als Vorsitzende der Unabhängigen Kommission „Zuwanderung“ setzte sie Impulse für eine Debatte, die bis heute zu den zentralen Zukunftsfragen gehört: Wie gestalten wir Wandel so, dass er zusammenführt statt spaltet? Auch hier war sie nicht getrieben von Symbolpolitik, sondern von einem nüchternen Grundsatz: Realität lässt sich nicht wegreden, aber gestalten.
Gerade deshalb ist Rita Süssmuth auch aus Sicht der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V. eine wichtige Referenzfigur. Denn Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltpolitik. Nachhaltigkeit bedeutet: langfristig denken, Verantwortung übernehmen, die Interessen der Zukunft gegen die Bequemlichkeit der Gegenwart verteidigen.
Als BVNG formulieren wir unseren Anspruch so:
„Wir gestalten Systeme für eine zukunftsfähige Gesellschaft.“
Dieses Selbstverständnis ist auch eine Antwort auf die gegenwärtige Vertrauenskrise politischer Institutionen. Denn Zukunftsfähigkeit entsteht nicht allein durch gute Ideen. Sie entsteht durch stabile, lernfähige Systeme, die in der Lage sind, Wandel zu tragen: in Bildung, Wirtschaft, Verwaltung, Arbeitswelt und demokratischer Kultur.
Rita Süssmuth hat gezeigt, wie dieses Denken in politischer Verantwortung aussehen kann: Systeme nicht zu schwächen, sondern zu stärken. Entscheidungen nicht nur nach dem nächsten medialen Zyklus zu bewerten, sondern nach ihrer Wirkung auf Menschen und auf kommende Generationen.
Heute wird Politik von vielen Menschen als taktisch, opportunistisch oder abgehoben wahrgenommen. Vertrauen geht verloren, weil Bürgerinnen und Bürger zu oft das Gefühl haben, dass Haltung verhandelbar geworden ist. Rita Süssmuth war das Gegenbild: eine Politikerin, die zeigte, dass Fortschritt nicht aus Lautstärke entsteht, sondern aus Konsequenz.
Ihr Vermächtnis ist deshalb nicht nur historisch – es ist hochaktuell:
Rückgrat ist die Voraussetzung jeder nachhaltigen Politik. Wer Transformation ernst meint, muss bereit sein, Widerstände auszuhalten, Komplexität zu erklären und Entscheidungen zu treffen, die sich erst später auszahlen.
Wir verneigen uns vor Rita Süssmuth und vor einer politischen Haltung, die uns daran erinnert, was Demokratie und Verantwortung bedeuten können, wenn man sie ernst nimmt.
Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V.
